Buchbesprechungen


Drei Hirne im Kopf

Warum wir nicht können, wie wir wollen

von Piet Vroon

(Kreuz Verlag, Zürich 1993, 426 S., DM 49,80)

Wir sind physiologisch als auch psychologisch gespalten: Schizophysiologie und Schizopsychologie. Die wichtigste Ursache dafür könnte in der zu rasch verlaufenen Evolution des menschlichen Neocortex liegen. Ist er gewuchert wie ein Tumor? Der Neocortex übt nur unvollkommene Kontrolle über andersgeartete psychische Prozesse aus. Man könnte sogar sagen, daß der Reiter (der Neocortex) ab und an vom Pferd fällt und daß dann die anderen, tierischen Teile im Gehirn mit uns durchgehen.

Autor Pieter Vroon (Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle und Theoretische Psychologie an der Universität Utrecht / Niederlande und durch seine rege publizistische Tätigkeit in Holland sehr bekannt): "Die Hauptströmungen in der Psychologie können mit der Schizophysiologie in Beziehungen gesetzt werden". Oft handeln wir ganz anders, als es unserer Absicht und Einsicht entspricht. Wir rauchen, obwohl es uns schadet, wir tun jemandem weh, den wir mögen. Diese Widersprüchlichkeit gelte auch im Großen: Der Mensch bringe Großartiges hervor, gleichzeitig vernichte er hemmungslos seine Artgenossen und die Erde, die ihn ernähre. Die drei großen Strömungen innerhalb der Psychologie - der Behaviorismus, die Kognitive Psychologie und die Tiefenpsychologie - lägen mit ihren Deutungen dieses Verhaltens in einem unlösbaren Streit. Verhaltenstherapie, eher gefühlsmäßige

Therapien und rationale Therapien hätten ihren jeweiligen Wert, aber es sei falsch, sie bei allen Störungen und bei allen Menschen gleichermaßen anzuwenden.

Vroon: "Es ist möglich, eine Verhaltensstörung auf der Ebene des Verhaltens und eine Denkstörung auf der Ebene des Denkens zu behandeln. Es steht jedoch nicht fest, ob eine Verhaltensänderung immer zur Veränderung kognitiver Prozesse führt. Umgekehrt kann man zwar sein Denken in mancherlei Beziehung ändern, doch folgt daraus nicht, daß sich auch das Verhalten ändert".

Vroons These ist, daß die Hauptströmungen jeweils in erster Linie auf eine der drei genannten Systeme im Gehirn abzielen. Diese drei Systeme seien jedoch für unterschiedlich geartete Verhaltensweisen und Prozesse verantwortlich, die jeweils spezifischen Gesetzen gehorchen, z.T. eigenen Interessen nachstreben, ihr eigenes Gedächtnis haben und nur mäßig miteinander zusammenarbeiteten. Vroon: "Was wir bestreiten, ist die Auffassung, der Mensch (und sein Gehirn) bildeten ein zusammenhängendes integriertes Ganzes."

Zusammengefaßt ist der Kern von Vroons Modell folgender: Das Nervensystem des Menschen kann als eine "Aufeinanderstapelung" dreier Systeme gesehen werden, wie sie bei Reptilien, bei Säugetieren und bei uns Menschen vorkommen. Anders gesagt: unser Gehirn bildet keine Einheit. In unserem Kopf hat nicht ein Präsident seinen Sitz, sondern ein Parlament, dessen Vertreter die unterschiedlichsten Interessen verfolgen. Das Gehirn besteht aus unterschiedlichen Systemen von unterschiedlichem Alter, die unterschiedliche Interessen verfolgen, unterschiedlichen Gesetzen gehorchen und die "nicht gut" miteinander zusammenarbeiten.

Diese mäßige Zusammenarbeit dürfe gewiß nicht als "Konstruktionsfehler" abgetan werden. Vernünftiger sei es, von einer Aufgabenteilung zu sprechen. Aus der Informatik sei bekannt, daß connectionistische, d.h. gut zusammenhängende Programme viel langsamer arbeiten und viel sensibler gegenüber Beschädigungen seien als modular organisierte Programme. Aufgabenverteilung sei praktisch: sie fördere die Schnelligkeit und Stabilit#ät des Systems insgesamt. Die gleiche Erfahrung habe man mit Robotern gemacht. Ein Roboter sei viel zu träge, wenn bei jeder Bewegung das gesamte Programm angesprochen werde, und außerdem lege dann die kleinste Beschädigung des Programms den ganzen Roboter lahm.

Wenn Vroon von den Hauptströmungen der Psychologie spricht, vergißt er tatsächlich eine vierte, die Körperpsychotherapie, weshalb er dann logischerweise auch deren physiologische Entsprechung außer Acht lassen muß. Vroon: "Die neurale Röhre beginnt während der embryonalen Entwicklung drei Einschnürungen aufzuweisen. Diese markieren grob drei Systeme. Den Hirnstamm und das Kleinhirn, das limbische System (das für Gefühle und Emotionen wesentlich ist) und den Neocortex". Und jetzt kommt's: "Das Kleinhirn lassen wir außer Betracht. Dies hat als nahezu einzige Aufgabe die Regulierung der Motorik." Nicht daß die Körperpsychotherapie eine Kleinhirn-Psychologie sei, aber die Motorik ist eine wichtige Grundlage unserer Arbeit, da wir annehmen, daß psychische Prozesse schichtweise angeordnet sind.

Ein wichtiges Detail sei, daß das neurale Chassis (= Hirnstamm/Kleinhirn = Reptiliengehirn) keine Sprache verstehe. Dieses neurale Chassis äußere sich vor allen Dingen in Tropismen (d.h. mechanisch verlaufende, durch Reize aus der Umgebung evozierte Verhaltensweisen), Isopraxie ("das gleiche tun" = Kultphänomene, Mode etc.), Routinehaltungen, Mimik (bei der Parkinson'schen Krankheit z.B. verliert der Mensch die Möglichkeit, spontane emotionale Ausdrucksweisen an den Tag zu legen) und Territorium (daß der Mensch eines Territoriums bedarf und dieses bewacht, ist bekannt).

Vroon: "Wenn man Verhalten, das viel mit dem neuralen Chassis zu tun hat, beeinflussen will, geschieht es am besten, indem man wortlos ein angenehmes Gefühl erweckt und nicht, indem man Menschen in rationaler Manier aufklärt. Der Hirnstamm versteht schließlich keine Sprache, und der menschliche Wille ist gemeinhin nicht einflußreich genug, ein anderes Verhalten hervorzurufen."

Auch das limbische System sei phylogenetisch alt. Seine Strukturen brächten artentypische Merkmale von Emotionen zum Ausdruck. Es gäbe kulturübergreifend eine weitgehende Übereinstimmung in den emotionalen Äußerungen und der Ausdruck vieler Emotionen ähnele stark dem vieler Tiere. Ein wichtiger Mechanismus in der Wahrnehmung sei Habituation oder Gewöhnung. Für einen Organismus, so Vroon, sind Veränderungen wichtiger als Dinge, die gleich bleiben. Reize, die sich nicht verändern, werden im Verlauf der Zeit nicht mehr wahrgenommen. Eine Emotion sei demnach ein allgemeines Verhaltensprogramm, das jedoch nicht über eine sehr lange Zeit hinweg aufrechterhalten werden dürfe, damit es zu keiner unerwünschten Inaktivität käme.

Vroon: "Der Kern des Problems ist..., daß die biologische und die kulturelle Evolution nicht miteinander Schritt gehalten haben. Die Menschheit hat sehr viel gutes hervorgebracht, aber auch viel schlechtes... Nochmals muß... betont werden, daß die Art, in der unser Gehirn konstruiert ist, nicht so ohne weiteres als ein Konstruktionsfehler betrachtet werden darf. Viele menschliche Verhaltensweisen werden zudem verständlich, wenn man davon ausgeht, daß in uns sowohl tierische als auch typisch menschliche Gesetze am Werk sind... Bei einem Zwiespalt zwischen kurzfristigem und langfristigem Denken gewinnen oft die tierischen Gesetze in uns, und zwar in Form kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung. In der Politik dagegen wird zu oft auf intelligentes Lernen und auf Mentalitätsveränderungen abgezielt. Die Mentalität ist in vielen Fällen wunderbar in Ordnung; das Problem ist, wie man Veränderungen in das Verhalten bringt. Verhalten nämlich gehorcht anderen Gesetzen.

Die Gesellschaft könne lediglich dann lebenswert eingerichtet werden, wenn man begreife, welche Macht unsere unbewußt funktionierende, tierische Rationalität vorläufig noch über uns ausübt. Die Zukunft stehe oder falle mit dem Ausloten dieser Gesetze und der Spuren, die eine lange Vorgeschichte in unserem Verhalten und in unseren Erlebniswelten hinterlassen hätten.

Bernhard Maul (Körpertherapeut-Biosynthese), Freiburg i.Br./Basel